Die Hupe

Die Hupe habe ich von meiner Schwester zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ich freute mich sehr über die Hupe. Als ich die Hupe aus dem Geschenkpapier ausgewickelt hatte, hupte ich damals sofort los. Schon beim ersten Hupen wusste ich genau, dass mir das Hupen sehr lag. Ich meine, ich brauchte keine Vorlaufszeit, um das Hupen für mich zu entdecken. Ich hupte einfach drauflos. Schon nach dem ersten Mal Hupen stand für mich fest, dass Hupen einfach optimal war. Es war mein Geburtstag und ich hupte was das Zeug hielt.
 
Meine Schwester wusste damals sehr gut, was mir gefiel. Sie hatte mir zu einem anderen Anlass fünf Nüsse geschenkt. Wenn man diese Nüsse anhauchte, fingen sie nach einiger Zeit leise zu knacken, wackelten leicht und hüpften manchmal ein kleines Stück. Aber in dieser Geschichte geht es nicht um diese Nüsse. Das ist eine andere Geschichte.

Was ich sagen wollte: ich hupte an diesem Tag so oft bis mein Vater sagte: "Jetzt reicht es aber mit der Huperei". Und meine Mutter sagte: "Du kannst morgen wieder hupen!" Ich ging in mein Bett und legte die Hupe auf meinen Nachttisch. So hatte ich die Hupe griffbereit. Wenn ich am nächsten morgen aufwachen würde könnte ich sofort hupen.
 
Ich weiß nicht mehr genau, wann mir meine Schwester diese Hupe zum Geburtstag geschenkt hat. Aber ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie sie ausgesehen hat. Die Hupe war golden. Am vorderen Ende der Hupe kam der satte Hupton durch einen geschwungenen Huptrichter heraus und am anderen Ende steckte ein schwarzer Huplufthanddrückblaseball. Ich weiß nicht genau, wie man das hintere Ende einer Hupe nennt, in dem sich die Luft befindet, die man durch die Hupe drückt und die am vorderen Ende verwandelt als Hupton herauskommt.

Soviel steht jedenfalls fest: Ich musste mich damals noch nicht rasieren und ich fuhr noch zusammen mit meinen Eltern in den Urlaub. Aus diesen Urlauben schrieb ich dann Karten, auf denen z.B. stand:
 
Leider kommt kein Bud Spencer im Kino.
Viele Grüße,
Dein lieber Schulfreund.

 
Das war ungefähr die Zeit.

Die Hupeuphorie dürfte mit der Zeit allmählich nachgelassen haben. Ich hupte nur noch gelegentlich. Grob geschätzt würde ich sagen, dass mein anfängliches Hupen von etwa siebzig mal täglich über die Monate hinweg sich auf 3 bis 5 Mal unregelmäßiges Hupen einpendelte. Das ist ein ungefährer Schätzwert. Ich möchte mich da nicht hundertprozentig festlegen.
 
An ein ganz spezielles Hupen erinnere ich mich allerdings noch sehr genau. Es war ein bis jetzt unvergessliches Hupen im Sommer. Es dürfte ungefähr so heiß gewesen sein, wie in diesem Moment, in dem ich diese Geschichte aufschreibe. Es könnte ein Sonntag gewesen sein. Ein heißer Sonntagnachmittag in meiner Jugend. Die Familie hatte gegessen. Die hölzernen Rollläden wurden heruntergelassen und meine Eltern machten einen Mittagsschlaf. Ich konnte mich entweder am Mittagsschlaf beteiligen oder etwas spielen, was die Eltern nicht störte. So ähnlich dürfte der Ausgangspunkt für die Geschichte gewesen sein.
 
Ich entschied mich gegen den Mittagschlaf und ging in mein Zimmer. An manchen Sonntagnachmittagen musste man höllisch aufpassen, dass einen die Langeweile nicht erwischte wie ein rechter Haken von Bud Spencer. Blitzschnell konnte das passieren, und eh man sich versah, hatte einem die tückische Langeweile einen Schlag versetzt und man langweilte sich auf der Stelle stundenlang.

Ich kannte die Gefahr. Ich stand in meinem Zimmer und blickte mich um und musste mich schnell entscheiden. Was konnte ich nur tun? Da erblickte ich im Regal die Hupe, die mir meine Schwester zum Geburtstag geschenkt hatte. Mein Beschluss stand sofort fest: Ich würde erst einmal hupen. Hupen war eine gute Idee. Ich würde erst einmal hupen und danach weitersehen. Um meine Eltern nicht zu wecken, fasste ich den Plan, aus dem Fenster hinauszuhupen. Ich nahm die Hupe aus dem Regal, öffnete das Fenster und hupte freien Herzens in den heißen, sonnigen Sonntagnachmittag hinein. Ich verfolgte damit keinerlei Zweck. Ich wollte mit meinem Hupen nicht die bestehenden Verhältnisse kritisieren oder irgendjemand wachrütteln. Es war ein geradezu absichtloses und naives Hupen. Ich hupte um des Hupens willen. Ich hupte einfach und vergnügt zum Fenster hinaus. Ich hatte der Langeweile ein Schnippchen geschlagen und schaute meinem Hupen hinterher, als hätte ich in das Bild vom Sonntagnachmittag ein kleines Hupen hineingemalt und betrachtete nun das Ergebnis.

Das Hupen hatte sich sehr geschmeidig über die geparkten Autos auf der Straße gelegt. Es glänzte im Vorgarten des Nachbarhauses. Es schimmerte auf den Treppen zum Nachbarshaus hinauf. Ich betrachtete wohlwollend mein Hupen in der Nachbarschaft. Plötzlich fiel mein Blick, nein besser gesagt er stolperte, zum Balkon unserer Nachbarn. Da stand die Nachbarstochter. Unsere Nachbarn hatten zwei Töchter und die eine stand jetzt am Balkon und blickte über die Straße.
 
Der Anblick riss mir fast die Augen aus dem Kopf. Plötzlich läuteten sämtliche Kirchturmglocken. Eine Herde Elefanten rannte laut trompetend durch die Vorgärten. Aus den Blumenkelchen platzten bunte Feuerwerke. Der Erdboden erzitterte. Chinesische Engel posaunten vom Himmel herunter. Die Wolken hatten sich in rote Zuckerwatte verwandelt. Ein heller Blitz schlug in mich ein. Dort auf dem Balkon über der Straße stand die Nachbarstochter ohne Oberteil und schaute auf die Straße hinunter. Die Nachbarstochter stand dort mit ihrem nackten Busen. Mit diesem Anblick explodierte der gesamte Sonntagnachmittag, die Straße, der Vorgarten, Zeit und Raum. Alles verschwamm zu einem riesigen bunten Strudel, in dessen Mitte die Nachbarstochter und ihr Busen stand. Die Zeit blieb stehen mit diesem Anblick.

Es dürfte mein erster fremder Busen gewesen sein, den ich an diesem Nachmittag erblickt hatte. Ich kannte mich mit Busen sehr wenig aus. Sehr wenig ist eigentlich übertrieben. Ich hatte mich bis dahin noch nicht mit Busen auseinandergesetzt. In Bud-Spencer-Filmen ging es überhaupt nicht um Busen. Ich wusste, dass es Busen gab. Mutter hatte Busen, meine Großmutter und meine beiden Schwestern. Vielleicht war es kein gewöhnlicher Busen, den die Nachbarstochter dort auf dem Balkon hatte?
 
Die Nachbarstochter verschwand wieder zusammen mit ihrem Busen. Ich stand immer noch leicht betäubt mit meiner Hupe am Fenster. Was war passiert? Ich versuchte die Ereignisse zu rekonstruieren. Man könnte sagen, ich hatte einen regelrechten Busenrausch. Ich wankte leicht. Ich erblickte die Hupe in meiner Hand. War es eine Zauberhupe? Konnte man geschickt eingesetzt mit dieser Hupe Busen herbeihupen? Nachdem ich mich wieder einigermaßen gefasst hatte, hupte ich ein zweites Mal. Aber nichts passierte. Vielleicht rettete das in diesem Moment mein Leben und meinen Verstand. Vielleicht war es tatsächlich eine magische Hupe, die aber nur einmal funktionierte und jetzt kaputt war.

Ich erholte mich von diesem Vorfall. Jahre später lernte ich Busen näher kennen. Ich musste auch nicht mehr hupen. Die Busen und das Hupen haben nach diesem Sonntagnachmittag eigentlich nie wieder in meinem Leben irgendetwas miteinander zu tun gehabt, wenn Sie das vielleicht interessiert. Ich will damit sagen, diese Geschichte hat mich nicht auf eine abwegige Lebensbahn geführt.
 
Heute hupe ich nur noch selten. Was aus dieser speziellen Hupe geworden ist, kann ich auch nicht sagen. Nur noch manchmal, wenn ich Auto fahre und hinter mir hupt jemand, blicke ich in den Rückspiegel und schaue mir denjenigen genau an, der da hupt.