| Metropol |
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Meine erste Musikkassette, die ich besaß, war von Vater Abraham und den Schlümpfen. Vater Abraham dürfte ein Holländer gewesen sein, der mit holländischem Akzent Deutsch sang und die blauen Schlümpfe sangen so wie die Sprecher meiner Märchenplatten sprachen wenn ich diese Platten auf dem Plattenspieler nicht wie es gedacht war mit 33 sondern mit 45 abspielte. Also ging meine Mutter mit uns an einem sonnigen Nachmittag von Lauf rechts nach Lauf links den breiten Eingang entlang vorbei an den Schaukästen mit den bunten Filmplakaten direkt ins Metropol hinein. Hinter der Glastür musste man links die Karten kaufen und rechts stand jemand, der sie vor dem Eingang der drei Kinosäle abriss. Es war, als ob man in eine fünfte Jahreszeit direkt hineingelaufen wäre und überall saßen lauter Schlumpffans, die alle auf 180 waren. Es war ein Höllenlärm und die Menge tobte. Und als der Film losging, tobten dann auch noch die Schlümpfe auf der Leinwand. Zu Bud Spencer ging meine Mutter dann schon nicht mehr mit. Bud Spencer ging nur mich und meine Freunde etwas an. Wir sahen uns jeden Bud Spencerfilm an, der im Laufer Kino gezeigt wurde. Eigentlich war Bud Spencer zu zweit. Sein Kompagnon war Terence Hill. Für uns waren es trotzdem Bud Spencerfilme. Wir hätten nie im Leben gesagt, wir gehen heute in einen Bud Spencer und Terence Hill Film. Vielleicht lag das daran, dass die Watschen von Bud Spencer so laut krachten. Sie krachten eigentlich genauso laut wie die Watschen von Terence Hill. Aber bei Bud Spencer wirkten die Watschen viel realistischer als bei Terence Hill, weil der ein richtiger kleiner Berg war im Gegensatz zu dem eher schmächtigen Herrn Hill. Als das Kino aus war, mussten wir aus dem großen Kino hinten in den frühen Abend raus über eine kleine Treppe. Es war wie ein großer seliger Zauber. Wir gingen bei Tageslicht vorne in das Kino hinein. Vergaßen im Kino die ganze Welt und kamen wie heiß geduscht hinten über die eine Treppe mit Geländer wieder raus. Über die Treppe musste man immer raus, wenn der Film im großen Kino gezeigt wurde. Alle Bud Spencerfilme wurden im großen Kino gezeigt. Schon auf der Treppe stellten wir die Schlüsselszenen nach. Das Krachen der Watschen machten wir mit dem Mund nach. Meine Freunde und ich prügelten uns lautmalend bis wir daheim waren. Spät am Abend wurden ganz und gar andere Filme im Metropol gezeigt. Bei diesen Filmen schlug sich auch niemand mehr mit krachenden Fäusten ins Gesicht, sondern ganz Gegenteiliges spielte sich auf der Leinwand ab. Meine Freunde und ich handelten mit dem Laufer Kinobesitzer immer so lange, bis er uns zu dritt für zwei Eintrittskarten z.B. in die "Schwarze Nymphomanin" hineinließ. Wir hatten damals nicht besonders viel Geld. Und meine Eltern hätten das Taschengeld wohl auch nicht spontan erhöht, wenn ich gesagt hätte, ich wolle mir heute unbedingt die "Schwarze Nymphomanin" im Kino anschauen. Als wir zu dritt dem Tagesgeschäft der "Schwarzen Nymphomanin" zusahen, lachten wir an manchen Stellen. Ich glaube, weil wir ein bisschen verschreckt waren. Wenn ich ehrlich bin, wünschte ich mir sogar ein wenig, meine Freunde würden dabei sein, wenn mir einmal eine sonstwie farbige Nymphomanin begegnen würde. Soviel kann ich verraten - mir begegnete zumindest keine Nymphomanin und meine Freunde waren auch nicht dabei. So ist das im Leben. Als "Das Boot" von Wolfgang Petersen im Laufer Kino Metropol kam, ging mein Vater mit uns ins Kino. Da lachte keiner. Und als das Echolot die deutschen U-Bootsoldaten stumm machte, blieb es auch im großen Saal mucksmäuschenstill und irgendwie hoffte ich, dass ich da wieder rauskommen würde. In den nächsten Tagen ist bald kein einziges Futzelchen mehr da vom Metropol. Es wird abgerissen. Ich bin traurig und merke, wie ich älter werde, und es macht mich noch trauriger, dass das Kino aus meiner frühsten Kindheit nicht mit mir älter werden darf. Und ich wünsche mir, dass ein U-Boot die Pegnitz raufgefahren kommt und am Wenzelschloss stehen bleibt und dann soll eine Horde wütender Schlümpfe aussteigen und Bud Spencer und Terence Hill. Und Terence Hill hilft einer zornig blickenden Nymphomanin aus dem U-Boot, der überhaupt nicht nach Nymphomanie zu Mute ist. Und dann soll die Gruppe über den Marktplatz laufen, unter der Bahnunterführung hindurch direkt aufs Laufer Rathaus zu. Dann möchte ich das Gesicht von dem hinter der Rezeption sehen, wenn Bud Spencer fragt, wo den der oder die sitzen würde, die es zugelassen haben, dass das Metropol abgerissen wird. Die Augen von Bud Spencer sind dann zwei enge Schlitze. Und der kriegt das raus wo das Büro ist von demjenigen und was dann passiert kann sich jeder selbst ausdenken. erschienen in: |