Metropol

Meine erste Musikkassette, die ich besaß, war von Vater Abraham und den Schlümpfen. Vater Abraham dürfte ein Holländer gewesen sein, der mit holländischem Akzent Deutsch sang und die blauen Schlümpfe sangen so wie die Sprecher meiner Märchenplatten sprachen wenn ich diese Platten auf dem Plattenspieler nicht wie es gedacht war mit 33 sondern mit 45 abspielte.
 
Mich faszinierten die blauhäutigen Schlümpfe sehr und ich mochte Herrn Abraham mit seinem weißen langen Bart und drangsalierte meine Eltern so lange bis mir der erste Mann meiner Mutter eben die Platte auf eine Kassette überspielte. Ich hörte meine Schlumpfkassette, bis sie eierte. Ich weiß nicht mehr, ob der Schlumpffilm vor oder nach dem Eiern meiner Schlumpfkassette in die Kinos kam. Als er im Laufer Kino anlief, mussten meine Freunde und ich ihn natürlich sofort sehen.

Also ging meine Mutter mit uns an einem sonnigen Nachmittag von Lauf rechts nach Lauf links den breiten Eingang entlang vorbei an den Schaukästen mit den bunten Filmplakaten direkt ins Metropol hinein. Hinter der Glastür musste man links die Karten kaufen und rechts stand jemand, der sie vor dem Eingang der drei Kinosäle abriss. Es war, als ob man in eine fünfte Jahreszeit direkt hineingelaufen wäre und überall saßen lauter Schlumpffans, die alle auf 180 waren. Es war ein Höllenlärm und die Menge tobte. Und als der Film losging, tobten dann auch noch die Schlümpfe auf der Leinwand.
 
In dem ganzen Toben hatte dennoch eine kleine Verwunderung Platz in meinem kindlichen Gefühlsleben. Vater Abraham war nämlich noch nicht aufgetaucht, obwohl der Film schon einige Zeit lief. Ich wollte meine Mutter deswegen befragen, als ich feststellte, dass sie tief und fest schlief. Sie schlief auch, als der böse Gargamel aus ein paar Schlümpfen Sud oder etwas Ähnliches kochen wollte. Um die Wahrheit zu sagen, schlief sie während des gesamten Schlumpffilms. Und ich glaube bestimmt, wenn der Film ungefähr 18 Jahre gelaufen wäre und meine Freunde, ich und die anderen Schlumpffans bis zum heutigen Tag im Kino sitzen geblieben wären, würde meine Mutter höchstwahrscheinlich immer noch im Laufer Kino Metropol sitzen und tief und fest schlafen.

Zu Bud Spencer ging meine Mutter dann schon nicht mehr mit. Bud Spencer ging nur mich und meine Freunde etwas an. Wir sahen uns jeden Bud Spencerfilm an, der im Laufer Kino gezeigt wurde. Eigentlich war Bud Spencer zu zweit. Sein Kompagnon war Terence Hill. Für uns waren es trotzdem Bud Spencerfilme. Wir hätten nie im Leben gesagt, wir gehen heute in einen Bud Spencer und Terence Hill Film. Vielleicht lag das daran, dass die Watschen von Bud Spencer so laut krachten. Sie krachten eigentlich genauso laut wie die Watschen von Terence Hill. Aber bei Bud Spencer wirkten die Watschen viel realistischer als bei Terence Hill, weil der ein richtiger kleiner Berg war im Gegensatz zu dem eher schmächtigen Herrn Hill.

Als das Kino aus war, mussten wir aus dem großen Kino hinten in den frühen Abend raus über eine kleine Treppe. Es war wie ein großer seliger Zauber. Wir gingen bei Tageslicht vorne in das Kino hinein. Vergaßen im Kino die ganze Welt und kamen wie heiß geduscht hinten über die eine Treppe mit Geländer wieder raus. Über die Treppe musste man immer raus, wenn der Film im großen Kino gezeigt wurde. Alle Bud Spencerfilme wurden im großen Kino gezeigt. Schon auf der Treppe stellten wir die Schlüsselszenen nach. Das Krachen der Watschen machten wir mit dem Mund nach. Meine Freunde und ich prügelten uns lautmalend bis wir daheim waren.

Spät am Abend wurden ganz und gar andere Filme im Metropol gezeigt. Bei diesen Filmen schlug sich auch niemand mehr mit krachenden Fäusten ins Gesicht, sondern ganz Gegenteiliges spielte sich auf der Leinwand ab. Meine Freunde und ich handelten mit dem Laufer Kinobesitzer immer so lange, bis er uns zu dritt für zwei Eintrittskarten z.B. in die "Schwarze Nymphomanin" hineinließ. Wir hatten damals nicht besonders viel Geld. Und meine Eltern hätten das Taschengeld wohl auch nicht spontan erhöht, wenn ich gesagt hätte, ich wolle mir heute unbedingt die "Schwarze Nymphomanin" im Kino anschauen. Als wir zu dritt dem Tagesgeschäft der "Schwarzen Nymphomanin" zusahen, lachten wir an manchen Stellen. Ich glaube, weil wir ein bisschen verschreckt waren. Wenn ich ehrlich bin, wünschte ich mir sogar ein wenig, meine Freunde würden dabei sein, wenn mir einmal eine sonstwie farbige Nymphomanin begegnen würde. Soviel kann ich verraten - mir begegnete zumindest keine Nymphomanin und meine Freunde waren auch nicht dabei. So ist das im Leben.

Als "Das Boot" von Wolfgang Petersen im Laufer Kino Metropol kam, ging mein Vater mit uns ins Kino. Da lachte keiner. Und als das Echolot die deutschen U-Bootsoldaten stumm machte, blieb es auch im großen Saal mucksmäuschenstill und irgendwie hoffte ich, dass ich da wieder rauskommen würde.
 
Und irgendwann bin ich nicht mehr ins Laufer Kino reingegangen. Ich zog fort von Lauf, und als ich wieder in Lauf einzog, wurden im Metropol keine Filme mehr gezeigt, obwohl ich jetzt wieder gern hineingegangen wäre. Ich mochte den Kinobesitzer mit der tiefen Stimme, der mich von meiner Kindheit an bis in die Jugend mit seinem Programm begleitet hat und nicht nur deswegen, weil er uns Rabatt gewährte. Er betrieb das einzige Kino in Lauf, sozusagen den einzigen Kulturbetrieb. Dafür bin ich ihm dankbar. 

In den nächsten Tagen ist bald kein einziges Futzelchen mehr da vom Metropol. Es wird abgerissen. Ich bin traurig und merke, wie ich älter werde, und es macht mich noch trauriger, dass das Kino aus meiner frühsten Kindheit nicht mit mir älter werden darf. Und ich wünsche mir, dass ein U-Boot die Pegnitz raufgefahren kommt und am Wenzelschloss stehen bleibt und dann soll eine Horde wütender Schlümpfe aussteigen und Bud Spencer und Terence Hill. Und Terence Hill hilft einer zornig blickenden Nymphomanin aus dem U-Boot, der überhaupt nicht nach Nymphomanie zu Mute ist. Und dann soll die Gruppe über den Marktplatz laufen, unter der Bahnunterführung hindurch direkt aufs Laufer Rathaus zu. Dann möchte ich das Gesicht von dem hinter der Rezeption sehen, wenn Bud Spencer fragt, wo den der oder die sitzen würde, die es zugelassen haben, dass das Metropol abgerissen wird. Die Augen von Bud Spencer sind dann zwei enge Schlitze. Und der kriegt das raus wo das Büro ist von demjenigen und was dann passiert kann sich jeder selbst ausdenken.

erschienen in:
Pegnitzrauschen, zweite Welle
Eine Literatursammlung aus Franken
Fahner Verlag